Der Schlüssel für Berlin lag an der Oder
Hier findet man ein sehr gut geschriebenes Kriegstagebuch zum Thema Operation Berlin, einfach mal selber schauen, nachfolgend ein Auszug.
Der Schlüssel für Berlin lag an der Oder
16. April 1945: Die Rote Armee startet ihre Schluß-Offensive / Oderbruch - größtes Schlachtfeld auf deutschem Boden
Der 16. April 1945 war erst wenige Stunden alt, als Geschützdonner die Stille über der Oder zerriß. Mit einem Feuerschlag von bisher unbekannter Stärke begann die Rote Armee ihre Schluß-Offensive gegen Hitler-Deutschland. 143 Flakscheinwerfer flammten auf, sie sollten das soeben noch nachtdunkle Gefechtsfeld in gleißendes Licht tauchen. Flugzeuge jagten heulend über den Strom und warfen im Hinterland ihre Bombenlast auf Stäbe und rückwärtige Einrichtungen des Gegeners.
Für die Berliner Operation, die auf einem Abschnitt von über 300 Kilometern von drei Fronten (vergleichbar den deutschen Heeresgruppen) vorgetragen wurde, waren nach sowjetischen Angaben zweieinhalb Millionen Mann, 6 250 Panzer, 41 600 Geschütze und Granatwerfer, Selbstfahrlafetten sowie 7 500 Kampfflugzeuge zusammengezogen worden - eine heute fast unvorstellbare Massierung. "Wir durften kein Risiko eingehen, denn sowohl die politischen als auch die militärischen Folgen eines Mißerfolges in der Schlußetappe des Krieges konnten für uns nicht wiedergutzumachende Auswirkungen haben", bekannte später der im Generalstab tätige Armeegeneral Schtemenko. Die Kräfte wurden im Abschnitt der 1. Belorussischen Front konzentriert, deren Führung nicht zufällig der seine Ziele mit äußerster Härte verfolgende fähigste Feldherr Stalins, Marschall G. K. Shukow, übertragen bekam. Für die Sowjets war klar: Der Schlüssel für Berlin lag an der Oder.
Stalins Befehl galt
Ende März hatte Stalin die rivalisierenden Marschälle Shukow und I. S. Konew, Oberbefehlshaber der 1. Ukrainischen Front, nach Moskau befohlen und ihnen harte Termine gestellt: Beginn der Offensive nicht später als am 16. April, Abschluß nach 12 bis 15 Tagen mit der Einnahme der Reichshauptstadt Berlin. Stalin war sich sicher, daß jeder der beiden Heerführer für sich alles daransetzen würde, mit seinen Truppen als erster in Berlin zu sein.
Nun, an jenem 16. April, war die 1. Belorussische Front unter Shukow aus dem westlich Küstrins gelegenen, seit Ende Januar auf mehr als 300 km2 erweiterten Oder-Brückenkopf zu ihrer Schlußoffensive angetreten. Nur wenige Stunden später folgte an der Neiße die 1. Ukrainische Front. Fünf Tage darauf griff die 2. Belorussische Front unter Marschall K. K. Rokossowski an der Unteroder an. Auch starke polnische Verbände gingen in den Kampf.
Den direkten Weg nach Berlin deckte die von General Theodor Busse geführte 9. Armee der Wehrmacht. Zusammen mit der 3. Panzerarmee bildete sie die Heeresgruppe Weichsel. Rechts neben ihr stand die zur Heeresgruppe Mitte zählende 4. Panzerarmee. Auch das deutsche Oberkommando hatte alles an Menschen und Kriegsmaterial, das im Frühjahr 1945 noch zur Verfügung stand, an Oder und Neisse konzentriert. "Für den Generalstab war klar, daß die Schlacht um Berlin an der Oder entschieden wird", bekannte der Chef des Wehrmacht-Führungsstabes, Generaloberst Jodl, später.
In den Monaten Februar/März war das Gebiet zwischen der Oder und Berlin in einen massiv befestigten Raum umgewandelt worden. Drei Verteidigungsgürtel durchzogen das Land. Seen, Flüsse, Kanäle und Wälder waren als natürliche Sperriegel in das Verteidigungssystem einbezogen. Das im Frühjahr stark aufgeweichte Oderbruch würdedas Vordringen schwer machen. Die wenigen befestigten Straßen waren durch Panzergräben und Minensperren für die sowjetischen Truppen zu gefährlichen Fallen geworden. Dennoch - vor Ort machte man sich auf deutscher Seite über den Ausgang des Kampfes kaum Illusionen.
Mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Krieg gestanden sowjetische Offiziere ein, daß die Führung zu wenig über die Verteidigung der deutschen Seite, insbesondere auf den Seelower Höhen, wußte. Shukow äußerte vorsichtig: "Bei der Vorbereitung der Operation hatten wir den Charakter des Geländes der Seelower Höhen etwas unterschätzt " Dafür zahlten damals seine Truppen ebenso wie für das "Ausleuchten des Schlachtfeldes" einen hohen Blutzoll. Am ersten Tag der Schlacht gelang es ihnen trotz härtesten Einsatzes nicht einmal, einen entscheidenden Einbruch in die deutsche Verteidigungslinie zu erzielen, geschweige denn die Seelower Höhen zu nehmen. Statt dessen lagen am Abend unterhalb der Höhen über 200 abgeschossene Panzer. Shukow hatte die Panzerarmeen voreilig zum Einsatz gebracht, er glaubte, so den Durchbruch erzwingen zu können.
Zeitplan gefährdet
Der Marschall, der Stalins Zeitplan unterbieten und eine Operationsdauer von nur 11 Tagen vorgesehen hatte, versprach diesem nun, die Höhen am nächsten Tag zu nehmen. Am Abend hatten die Angreifer aber noch immer nicht das Ziel des ersten Tages erreicht. Die deutschen Truppen hatten sich in den gut ausgebauten Verteidigungsanlagen buchstäblich eingegraben. Nun drohte selbst Stalins Zeitplan ins Wanken zu geraten. Erst am dritten Tag, als die Schlacht ihren Höhepunkt erreichte, entschied sich das blutige Ringen um die Seelower Höhen. Als der 19. April zu Ende ging, stand es fest: Die Oderlinie war für die Verteidiger der Reichshauptstadt verloren.
Verbissene Gegenwehr
Noch aber standen den sowjetischen Truppen schwere Kämpfe bevor. Noch war Berlin nicht erreicht. Und im Führerbunker unter der Reichskanzlei wartete man, völlig unfähig, die Lage realistisch einzuschätzen, auf ein Wunder. Volkssturm und Hitlerjugend wurden zur Verstärkung an die Front geworfen, in einen Kampf, der schon verloren war. Das Oderbruch wurde zum größten Schlachtfeld des Zweiten Weltkrieges auf deutschem Boden.
Die Verluste waren auf beiden Seiten immens - genaue Zahlen sind schwer zu errechnen. Nach sowjetischen Angaben fielen im Oderbruch allein am 16. und 17. April 12 000 deutsche Soldaten - und das nur vor einem Teil der 1. Belorussischen Front. Die Rote Armee bezifferte ihre Verluste bei der Oderschlacht auf 33 000 Mann.



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