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Mittwoch, Mai 17, 2006

Die "Berliner Operation"

Am 16. April begann die Rote Armee ihre letzte Offensive zur Beseitigung des faschistischen Deutschland. Knapp drei Tage später , am 19. April 1945, durchstieß sie die letzte geschlossene Frontlinie, die Wehrmacht und Waffen-SS aufgebaut hatten, an mehreren Stellen, Eilends entgegengeworfene Reserven konnten die Lücken nicht mehr stopfen, zumal den sowjetischen Schlachtfliegern die uneingeschränkte Luftherrschaft gehörte. Deutsche Truppenverbände, die noch an der Oder standen, gerieten in Gefahr abgeschnitten zu werden und begannen sich – trotz anderslautenden Befehlen aus der Reichskanzlei – zurückzuziehen.

Doch den Befehl, sich dann nach Berlin zu begeben, befolgten nur die Verbände, die nicht anders konnte. Der Rest suchte mehr oder weniger schnell nach Westen zu entkommen, um nicht in sowjetische Gefangenschaft zu geraten. Der Auflösungsprozeß des „Dritten Reiches“ hatte sein Endstadium erreicht.

Zu diesem Zeitpunkt befand sich der Krieg an den anderen Fronten in Europa in seiner Agonie. Die Verbände der Westalliierten, die seit dem 23. März über den Rhein vorgestoßen waren, hatten dort längst nicht mehr mit einer geschlossenen Abwehrfront zu kämpfen, sondern stießen oft ungehemmt vor. Nur an einzelnen Punkten versuchten fanatisierte Wehrmachtseinheiten noch Widerstand zu leisten. Mitte April standen die Westalliierten teilweise an der Elbe, sie drangen über die Westfälische Pforte bis zum Harz vor, standen bei Leipzig, wo ihnen der Stadtkommandant noch am Völkerschlachtdenkmal einen absurden Kampf liefern ließ. In Italien war die front seit dem 10. April in Bewegung und nach der Einnahme Bolognas waren die deutschen Verbände weiträumig auf dem Rückzug Richtung Po. Vorbei war es nun auch mit Mussolinis „Republik von Salo“, deren letzte Repräsentanten in der Nähe von Como in Gefangenschaft gerieten und – nach ihrer Hinrichtung – an einer Tankstelle in Mailand aufgehängt wurden. Auch die deutsche Front im österreichisch-ungarischen Grenzgebiet war zusammengebrochen. Doch auch nach dem Fall Wiens tönte die Goebbels-Propaganda noch: „Berlin bleibt Deutsch und Wien wird wieder Deutsch.“ Doch es waren alles nur noch hohle Phrasen.

Die Rote Armee war – vom deutschen Ufer der Oder gut einsehbar – mit drei „Fronten“ (Heeresgruppen) an der Oderlinie angetreten. Im Süden stand die 1. Ukrainische Front unter Marschall Iwan Konjew, deren operatives Ziel es war, südlich Berlin bis zur Elbe durchzustoßen, daneben die Operationen im Raum Berlin von Süden her zu unterstützen. Im Mittelabschnitt stand die 1. Belorussische Front unter Marschall Grigorij Schukow, die frontal auf Berlin vorgehen sollte. Im Norden war die 2. Belorussische front unter Marschall Konstantin Rokossowski angetreten, die nach Mecklenburg vorstoßen sollte, ebenfalls mit dem Ziel, dort noch stehende deutsche Verbände zu binden und an Entsatzversuchen für Berlin zu hindern. Die deutsche Heeresgruppe Weichsel, deren Oberbefehl seit Mitte März Generaloberst Gotthard Heinrici (als Nachfolger Himmlers, der sich krank gemeldet hatte) übernommen hatte, stand ebenfalls in drei Gruppierungen, die offiziell noch die Bezeichnung „Armee“ trugen, aber weit unter den Sollstärken blieben. Im Norden stand die 3. Panzerarmee unter General Hasso von Manteuffel, der in der Ardennenoffensive den Mittelabschnitt kommandiert hatte, weiter im Süden die 9. Armee unter General der Infanterie Theodor Busse, dessen Einheit Hitler noch im März seinen letzten Frontbesuch abgestattet hatte, und im Süden kommandiert Generalfeldmarschall Ferdinand Schörner die Heeresgruppe Mitte, der noch die 4. Panzerarmee zur Verfügung stand.

Heinrici hatte das Odertal de facto bereits aufgegeben und dort nur schwache Sicherungstruppen zurückgelassen, um den zu erwartenden Artillerieangriff der Roten Armee ins Leere laufen zu lassen. Ihre „Strategie“ war, den ersten sowjetischen Angriff verpuffen zulassen und die eigenen Truppen hinter den Hügeln, die als „Seelower Höhen“ bekannt geworden zu sind, zu massieren, um von dort die vordringenden Angreifer unter Feuer zu nehmen. Danach war nur noch Halten vorgesehen, erstens weil so die Befehle Hitlers lauteten, der wie immer angeordnet hatte, „keinen Meter deutschen Bodens“ aufzugeben und zweitens, weil kaum noch Reserven für eine bewegliche Kriegführung vorhanden waren, so daß in unmittelbarer Folge eines Durchbruchs nur noch der direkte Kampf um die Reichshauptstadt zu führen war.

Doch dem Hauptstoß der 1. Belorussischen Front, die mit 9 Armeen, 2 Panzerarmeen und 2 Luftarmeen auf einer Breite von 44 km angetreten war, hatten die Truppen Heinricis, trotz immenser Verluste der sowjetischen Angreifer, auf die Dauer nicht viel entgegenzusetzen. Bereits am 18. April hatte die 8. Gardearmee einige Zwischenstellungen bei Seelow durchbrochen und die 47. Armee drang in Wriezen ein, etwa am 19 April durchbrach die 1. Gardepanzerarmee die Oderfront bei Müncheberg und drang in den „operativen Raum“ ein. Zur gleichen Zeit gelang ein dritter Durchbruch gegen Schörners Verbände in der Lausitz und der operative Vormarsch auf Berlin hatte begonnen. Zwar hatte Hitler mehrere Gegenangriffe befohlen, aber seine Truppen konnten und wollten wohl auch nicht mehr. Dem Befehl, alles sonstigen Kampfhandlungen abzubrechen und nach Berlin zu kommen, befolgten nur die an der Ostfront stehenden Truppenteile, denen die Vorstöße der Roten Armee keine andere Wahl ließ wie das LVI. Panzerkorps des Generals Weidling, der am 23 April zum Stadtkommandanten von Berlin ernannt wurde, und eine Freiwilligentruppe der französischen Waffen-SS –Division Charlemagne.

In der Propaganda spielten auch die „Armee Wenck“ (12. Armee), die 9. Armee, „Wlassow“ und das „Germanische Korps“ (Felix Steiner) eine Rolle. Doch das waren Chimären. Die 12. Armee stieß nur bis nach Ferch am Südufer des Großen Schwielowsees vor, blieb dann dort stehen und als die Potsdamer Garnison zu ihr durchbrach, war an einen Entsatz Berlins ohnehin nicht mehr zu denken. Die 9. Armee arbeitete sich als „Wandernder Kessel“ nach Westen vor, doch nur einige Spitzengruppen erreichten ihr Ziel, die Vereinigung mit der 12. Armee, der Rest wurde (General Busse hatte sich da längst abgesetzt) mit zahlreichen Flüchtlingen bei Halbe (noch heute ein Ziel faschistischer Wallfahrer) vernichtet. Felix Steiner ließ seine SS-Einheiten gar nicht erst antreten und die russische konterrevolutionäre Armee des Generals Wlassow hatte sich Mitte April von der Oderfront abgesetzt und war in die Tschechoslowakei gezogen, um dort in amerikanische Gefangenschaft zu gehen und womöglich gemeinsam mit den Amerikanern weiter gegen die UdSSR zu kämpfen. Am 20. April erreichten sowjetische Einheiten – pünktlich zu „Führers Geburtstag“ den Stadtrand von Berlin und begannen mit der Beschießung der Innenstadt. Am 25. April wurde der Ring um Berlin endgültig geschlossen. Schon vorher waren die wichtigsten Reichsbehörden aus Berlin verlagert worden, auch die Spitzen des faschistischen Regimes hatten sich nach dem 20. April, als sie letztmals bei Hitler zur „Geburtstagsfeier“ zusammenkamen, aus Berlin abgesetzt. Während sich Göring nach Berchtesgaden absetzte, suchte Himmler von seinem Hauptquartier bei Werneuchen aus neue Beziehungen zu den Westmächten.

Dabei kam es zu der wohl absurdesten Begegnung dieser Endphase des Krieges. Auf Vermittlung eines Mitarbeiters traf der Reichsführer SS auf dem Gut Harzwalde den Vertreter des Jüdischen Weltkongresses, Norbert Masur, um über das weitere Verfahren zu verhandeln. Nachdem er lang und breit die Gründe für den Kampf der Nazis gegen die Juden dargelegt hatte, schlägt Himmler vor, „Juden und Nationalsozialisten (sollten) nun endlich das Kriegsbeil begraben...“. Dazu kommt es natürlich nicht, doch immerhin erreicht es Masur, daß die Nazis 7 000 Frauen – bei weitem nicht alle davon „jüdisch“ – aus dem Frauenkonzentrationslager weglassen. Die „Aktion Weiße Busse“ beginnt, doch manche der scheinbar Befreiten fallen alliierten Tieffliegern zum Opfer, die von der Aktion nicht wußten und alles angriffen, was sich auf den Straßen des deutschen Restreiches bewegte. Himmler wird diese Aktion natürlich nichts mehr nützen. Nachdem seine Versuche, einen Platz in der von Hitler eingesetzten Regierung Dönitz unterzukommen, scheitern, taucht er unter, wird später als Kriegsgefangener verhaftet, bald verpfiffen und begeht schließlich Selbstmord.

In Berlin ziehen sich die Kämpfe noch bis zum 2. Mai hin. Kern der Nazitruppen sind jetzt das LVI. Panzerkorps, die 9. Fallschirmjägerdivision, die Panzerdivision Müncheberg, die SS-Panzerdivision Nordland und die 20. Panzergrenadierdivision. Dazu kamen noch die 18. Panzergrenadierdivision auf dem Flughafen Tempelhof sowie die „Brigade Mohnke“ im Verteidigungsabschnitt „Zitadelle“, dem Regierungsviertel. Heftige Kämpfe gibt es noch um den Reichstag und den Kampfabschnitt um die Reichskanzlei, in der Hitler am 30. April 1945 gemeinsam mit seiner frisch angetrauten Frau Eva braun Selbstmord beging. Insgesamt hat die „Berliner Operation“, die am 2. Mai mit der offiziellen Kapitulation der Berliner Garnison endet, der Roten Armee 300 000 Tote gekostet. Doch noch Tage nach dem 2. April muß die Rote Armee gegen einzelne Fanatiker vorgehen, die Hitlers Befehl, nicht zu kapitulieren, bis zuletzt befolgen.

Das Hitlerreich überlebt den Fall Berlins nur um wenige Tage. Am 7. Mai unterzeichnet Generaloberst Jodl in Reims die Gesamtkapitulation vor den Westmächten, was Generalfeldmarschall Keitel am 8. Mai (genau genommen am 9. Mai kurz nach Mitternacht) in Berlin-Karlshorst wiederholt. Die „Regierung Dönitz“ überlebt auch nicht mehr lange. Ohre Vertreter, darunter Dönitz, Jodl und Speer, werden Ende Mai in Plön verhaftet und in den Tagen bis zum 15. Mai stellen alle deutschen Truppen den Widerstand ein.

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